Delegationsreise ins Silicon Valley

"Vom Silicon Valley lernen"

Digitalisierung in Norddeutschland

Geschäftsmodelle und Handelsströme werden sich mit der Digitalisierung im 21. Jahrhundert massiv verändern. Die norddeutsche Wirtschaft muss die digitale Transformation aktiv annehmen und gestalten, um ihre starke Stellung im internationalen Wettbewerb behaupten zu können. Diesen Herausforderungen wollen wir im Verbund mit den norddeutschen Industrie- und Handelskammern begegnen und in diesem Kontext einen Impuls zur digitalen Transformation der norddeutschen Wirtschaft geben.
Dazu haben die IHK Nord und die Handelskammer Hamburg gemeinsam eine Delegationsreise vom 14. bis 20. Oktober 2017 für norddeutsche Unternehmer organisiert. Im Rahmen der Reise besuchen die über 30 Teilnehmer verschiedene Start-Ups und Digitalisierungspioniere im Silicon Valley und in San Francisco. Auch der Austausch mit deutschen Gründern vor Ort steht auf dem Programm. Das Programm wurde gemeinsam mit der AHK San Francisco und Petra Vorsteher, Hamburg Ambassador in San Francisco, gestaltet.
Das aktuelle Programm finden Sie hier.

Bericht aus dem Silicon Valley

Seit dem 14. Oktober ist die IHK Nord Delegation mit über 30 Unternehmern aus ganz Norddeutschland unterwegs im Silicon Valley, um digitale Trends aufzuspüren und sich vom Silicon-Valley-Mindset eine Scheibe abzuschneiden. Hier berichten wir täglich von den Ereignissen.

Tag 1: Delegation-Briefing, Innovation-Walk, Flagship-Stores

Heute standen das AHK-Briefing zu den Standorten San Francisco und Silicon Valley auf dem Programm, sowie ein Innovation-Walk durch die City von San Francisco. Besucht wurden dabei u.a. die Flagship-Stores von Converse, Adidas, Amazon und das Open House vom Target, in den Innovationen für den Kunden "greif- und erfühlbar" präsentiert werden. Im AHK-Briefing wurden Erwartungen / Key Questions zur Reise, die Möglichkeiten und die Herausforderungen des Silicon Valleys mit der Delegation erörtert.
Im Video: Robert Lorenz-Meyer, Delegationsleiter.
© Torsten Grünewald
Das Silicon Valley gehört zu den weltweit Wachstumstreibern, jährlich werden ca. 25 Milliarden US-Dollar in neue Ideen investiert. Die Anzahl deutscher Firmen nimmt im Silicon Valley stetig zu - fast alle deutschen DAX-Konzerne unterhalten Niederlassungen vor Ort. Die Herangehensweise und die Strategien, innovatives Denken zu fördern, stehen in den kommenden Tagen im Fokus der Unternehmensbesuche. Amerikanische Investoren geben ihren geförderten Start-ups einen grösseren Handlungsspielraum, sehen Fehler als Entwicklungsschritt für spätere Erfolge bei der Suche nach dem einen Glücksgriff, dem sog. "Unicorn", welches den Markt nachhaltig verändern soll. Ein wesentliches Problem scheint weiterhin die Suche nach verfügbaren Fachkräften (Talents) zu sein, wofür die Unternehmen weitreichende Akquisitionsmaßbahnen wie Bustransfers, kostenlose Kantinen und Friseure oder Betreuung der Haustiere nicht scheuen.

Tag 2: SAP, Linkedin, Stanford University

Am zweiten Tag reiste die IHK-Nord-Delegation ins Silicon Valley zu SAP, LinkedIn und zur Stanford-University. Bei SAP erläuterte Yvonne Waible, Director Design Programs, die Projektentwicklung neuer Produkte durch sog. Design-Thinking-Prozesse. Im Rahmen dieser Produktentwicklung arbeiten unterschiedliche Experten team- und hierarchieübergreifend und in enger Kooperation mit dem Kunden an neuen Software-Produkten zur Datenverarbeitung. Die Produktentwicklung findet in speziell-eingerichteten Design-Laboren (D-Labs) und einem App-Haus statt, in dem die Mitarbeiter die Produkte möglichst frei und ohne mentale Grenzen entwickeln können. SAP beschäftigt im Silicon Valley knapp 4.000 Personen.
Im Anschluss besuchte die Gruppe den Campus der renommierten Stanford University - Prof. Larry Leifer, Direktor der am Campus ansässigen d.school, stellte die Einrichtung vor und berichtete über Design Thinking-Theorien und Innovationsgeschichte, die an der Stanford University unterrichtet werden. Prof. Leifer informierte zudem über moderne Teambuilding-Ansätze, mit denen  man Arbeitsgruppen erfolgreich zusammenstellen kann.
Der dritte Termin am zweiten Tag fand beim Netzwerkanbieter LinkedIn statt. Christian Byza, Senior Product Manager für den deutschen Markt, stellte das Unternehmen und erläuterte Funktionen des sozialen Netzwerkens und die zunehmende Bedeutung von Sozial Media in Unternehmen. Über soziale Netzwerke können über die Auswertung von Profildaten zum Beispiel konkrete Personalrecherchen und Produktmarketing durchgeführt oder global neue Vertriebskanäle erschlossen werden. LinkedIn beschäftigt in Mountain View mehr als 6.000 IT-Engineers, die täglich mehr als 1.000 neue Anwendungsoptimierungen durchführen. Insgesamt beschäftigt LinkedIn mehr als 12.000 Personen.
Am Abend traf sich die Delegation dann noch mit deutschen Start-up-Mitarbeitern, die im Silicon Valley arbeiten, zum Erfahrungsaustausch.
Im Video: Dr. Matthias Fonger, Hauptgeschäftsführer der Handelskammer Bremen - IHK für Bremen und Bremerhaven.
© Torsten Grünewald

Tag 3: e.venture, A³ by Airbus, Plug&Play Accelerator

An Tag 3 besuchte die Delegation  das Unternehmen e.ventures - das Unternehmen hat seinen Sitz in der Transamerica Pyramid, die bis vor Kurzem noch das höchste Gebäude San Franciscos war. Im obersten Stockwerk (48. Level) stellte Lauren Lyon, Operating Partner, das Business Model des Unternehmens vor. E.venture gehört zur Hamburger Otto-Gruppe und investiert in sog. "Consumer Internet and Software", die sowohl für B2C- als auch B2B- Kunden angeboten werden. Zum Unternehmen gehören u.a. die Marken Sonos, Groupon, Goto Meeting, Farfetch, Angies list, The Real Real, Shipt, Annies App oder YuMe. Frau Lyon erklärte der Delegation die Investions-Strategien und das Auswahlverfahren bei neuen Investitionsvorhaben vor. 77 Prozent der vermittelten E.venture-Investitionen stammen von europäischen Geldgebern, wichtigste Aufgabe ist es, potenzielle "Unicorns" frühzeitig zu identifizieren und für die Investoren zu akquirieren.
Im Anschluss an den Besuch bei E.venture traf die Delegation Emilian Marchant, Business Development Manager beim Airbus Spinn-off "A³ by Airbus". Das Unternehmen ist ein Venture Capital Fonds der Airbus Gruppe, den Airbus-CEO Tom Enders 2015 im Silicon Valley eröffnet hat. A³ ist mit Mitteln der Airbus Group in Höhe von 150 Millionen US-Dollar ausgestattet. Ziel des Fonds ist es, weltweit die visionärsten Unternehmen im Bereich Luft- und Raumfahrt zu finden und in sie zu investieren. A³ soll das Ökosystem Silicon Valley nutzen, um beispielsweise in den Bereichen Technik, Geschäftsmodelle oder Fertigung disruptive Ansätze zu erschließen und damit die Airbus Group und ihre Divisionen sowie die gesamte Industrie zu revolutionieren. Herr Marchant stellte die Entwicklungsstragie und das Geschäftsmodell von "A³ by Airbus" und berichtete über zukünftige Projekte des Unternehmens.
Den Gesprächen mit E.ventures und A3 folgte ein Besuch bei Cisco Systems Silicon Valley. Joel Barbier, Direktor für digitale Transformation bei Cisco, berichtete die Digitalisierungstrends in der Wirtschaft. Im Rahmen der digitalen Transformation werden Geschäftsmodelle oder Geschäftsprozesse hinsichtlich der Verfügbarkeit und Kostenaufwendungen von digitalen Technologien neu überdacht. Dieser Prozess erstreckt sich über das gesamte Unternehmen. Denn es werden neue Technologien eingesetzt, welche die Geschäftsabläufe grundlegend verändern. Die meisten Unternehmen verfolgen mit der digitalen Transformation das Ziel, das Kundenerlebnis zu verbessern und Wettbewerbsvorteile zu erzielen. Herr Barbier erläuterte die Entwicklung der digitalen Transformation anhand von Geschäftsmodellen wie Uber, Amazon, LinkedIn, Tesla, Nespresso, Netflix oder Airbnb, deren Eingriffe in die etablierte Branchen zu Veränderungen der Wirtschafts- und Wettbewerbsstrukturen geführt haben.
Im Video: Alexander Witte, Geschäftsführer, EARLY BRANDS Innovation & Technology Consultants
© Torsten Grünewald
Der letzte Termin des Tages führte zu Plug&Play. Dort informiere Tim Joehnk, Manager Global Innovation, über die Aktivitäten eines "Accelerators". Von Sunnyvale im Silicon Valley aus hat der Plug and Play Accelerator inzwischen weltweit 25 Standorte gestartet. Wichtiger Bestandteil des Konzepts sind die Industriepartner. Etwa 400-450 Unternehmen hat Plug and Play permanent unter seinem Dach und hat damit die meisten Investments im Silicon Valley. Das sind einerseits Startups, die verschiedene dreimonatige Programme durchlaufen und andererseits Corporates und Later Stage Startups, die ständig einen oder einige wenige Mitarbeiter im Zentrum haben. Für die Wertschöpfung des Accelerators ist Zusammenarbeit mit etablierten Unternehmen essenziell. Es gibt allgemeine Programme, die “Startup Camps”, und spezifische Programme für bestimmte Verticals. Für jede Branche hat Plug and Play dabei eine reihe großer Konzerne als Partner.

Tag 4: DocuSign, Dropbox, City Hall, Smaato, Pitch-Festival

Der erste Termin des vierten Tages begann bei DocuSign im San Francisco. Rob Schmeltzer, Senior Director - Customer Marketing, begrüßte die Gruppe im Headquarter an der renommierten Bay Bridge. DocuSign spezialisiert sich auf die Erstellung von elektronischen Dokumenten und digitalen Signaturen. Das Unternehmen ersetzt Faxen, Scannen und Versenden von Dokumenten "durch den einfachsten, schnellsten und vertrauenswürdigsten Weg, jede Entscheidung und jede Genehmigung zu digitalisieren." Mehr als 250.000 Unternehmen und 100 Millionen Nutzer in 188 Ländern verwenden DocuSign, um Dokumente zu jeder Zeit, an jedem Ort und mit jedem Gerät vertrauenswürdig zu unterschreiben, zu versenden und zu verwalten. Darüber hinaus treten mehr als 130,000 neue Nutzer dem sog. "DocuSign Global Trust Network" jeden Tag bei und mehr als 62% Prozent der Dokumente innerhalb des "DocuSign Global Trust Networks" werden in nur einer Stunde fertiggestellt. 10 der führenden 15 US-amerikanischen Finanzunternehmen, 13 der führenden US-amerikanischen Versicherungsunternehmen und mehr als 1.000 Kreditgenossenschaften nutzen bereits DocuSign-Produkte,  die inzwischen in 43 Sprachen verfügbar sind.
Im Interview: Claus Ruhe Madsen, Präsident der IHK zu Rostock
© Torsten Grünewald
Dem Besuch bei DocuSign folgte eine Unternehmensbesichtigung beim Filehosting-Dienstleisters Dropbox. Dropbox wurde im Jahr 2007 von den beiden Studenten Drew Houston und Arash Ferdowsi in San Francisco gegründet. Ihr Ziel war es, einen Dienst zu entwickeln, der den Austausch großer Dateien per E-Mail oder USB-Sticks unnötig machen und die damit verbundenen Probleme lösen sollte. Hat man eine Datei zur Dropbox hochgeladen, kann man sie von jedem ans Internet angeschlossenen Computer abrufen. Das System dient der Online-Datenspeicherung, aber auch dem Austausch von Daten zwischen verschiedenen Personen. Bryan Mann, Head of Solutions, berichtete der Gruppe von der Entwicklung des Unternehmens und zukünftigen Geschäftsfeldern. Dropbox, das in der Hamburger Hafencity auch ein Deutschlandbüro unterhält, beschäftigt weltweit etwa 2.000 Personen, 1.700 davon arbeiten im Stammhaus in San Francisco. Rund 500 Millionen Menschen und etwa 200.000 Unternehmenskunden nutzen die Dropbox-Produkte inzwischen.
Im Interview: Henning Osterkamp, Berater & Projektleiter einfach.effizient. GmbH & Co. KG Oldenburg
© Torsten Grünewald
Am Nachmittag besuchte die Delegation die City Hall von San Francisco. San Francisco unterhält seit September 2017 eine offizielle Städtepartnerschaft mit Kiel, die am Rande der Digitalen Woche in Kiel geschlossen worden ist. Die City Hall ist das Rathaus von San Francisco in Kalifornien. Sie wurde 1915 am Civic Center Plaza eröffnet. Das Gebäude ist insgesamt mehr als 46.000 Quadratmeter groß, und belegt zwei ganze Straßenblöcke. Bei seiner Kuppel, die Mansarts barock-klassizistischen Kuppelkirchen, dem Invalidendom und Val-de-Grâce in Paris, nachempfunden ist, handelt es sich um die fünftgrößte Kuppel der Welt. Sie hat einen Durchmesser von 20 Metern und ragt 94 Meter empor. Damit ist sie 35 cm höher als das Kapitol in Washington D.C. Der Supervisor des Rathauses, der die Funktion des Stellvertretenden Bürgermeisters erfüllt, begrüßte die Delegation und führe die Gruppe durch die City Hall.
Im Interview: Jörg Orlemann, Hauptgeschäftsführer der IHK zu Kiel
© Torsten Grünewald
Der letzte Besuch des Tages ging zu Glenn Fishback, Chief Risk Officer (CRO) bei Smaato. Er begrüßte die Delegation und stellte das Erfolgsmodell der Firma Smaato vor. Der Markt ist allein in den letzen 4 Jahren (2014 - 2017) von 12,78 auf 43,1 Milliarden US-Dollar gestiegen und bietet erhebliche Chancen für die Branche.
Am Abend besuchten einige Delegationsmitglieder dann noch ein sog. "Pitch-Festival", bei dem junge Start-Up-Unternehmer um potentielle Investoren warben.

Tag 5: Delegation De-Briefing

Der fünfte Tag war Abreisetag. Vorher kam die Delegation zu einem De-Briefing zusammen. In verschiedenen Arbeitsgruppen resümierten die Teilnehmer die Eindrücke der vergangenen Tage. Die erste Gruppe befasste sich mit den beobachten Trends: Negative Eindrücke waren unter anderem, dass Ethik und Moral im Valley offenbar noch nicht angekommen sind. Auch das Gefälle zwischen Arm und Reich / gescheitert oder erfolgreich zu sein und Selbstausbeutung / Aufopferung ("Leben im goldenen Käfig") für die Idee der sog. Unicorns bzw. möglicherweise nächsten Unicorns missfielen den Teilnehmern. Positiv wurde dagegen der allgemein vorhandene Plattformgedanke beurteilt, d.h. keine Insellösungen sondern Kooperationen mit Partnern zu suchen. Zudem war man sich einig, dass die Digitalisierung im Valley im Prinzip abgeschlossen ist - man sei sogar schon nah an der Grenze zur Überdigitalisierung.
Die Geschäftsmodelle unterscheiden sich zwischen evolutionären und revolutionären Modellen: im Grunde braucht man heute für alle unternehmerischen Tätigkeiten eine Plattform. Das birgt Vor- als auch Nachteile. Man muss sich im Wettbewerb zu anderen zunehmend von dem herkömmlichen Freund- / Feind-Bild verabschieden und vermehrt nach Kooperationsmöglichkeiten suchen, um gemeinsam auf dem Markt zu bestehen ("Win-Win-Situationen schaffen").
Um erfolgreich zu bestehen, sind Faktoren wie Geschwindigkeit oder Flexibilität von großer Bedeutung. Es müssen Mehrwerte rund um das eigentliche Produkt geschaffen werden.
Bei den Geschäftsmodellen fielen folgende 5 Punkte besonders auf, vor allem im Vergleich zu unseren deutschen Unternehmereigenschaften:
 1. Disruptives denken, Infragestellung des Vorhandenen, andere Fehlerkultur im Valley. Mehr in Lösungen denken als in Problemen.
2. Risikobereitschaft im Valley ist eine andere: nicht nur auf das Produkt,sondern auch auf die Finanzierung bezogen.
3. Weltverbesserungsgedanke der Valley-Unternehmer führt zu einer enormen Emotionalisierung!
4. Silicon Valley ist mehr Schein als sein. Es vermarket sich unheimlich professionell und unterscheidet sich von den Potentialen her gar nicht so sehr von Deutschland. Aber, die Vermarktung des Valleys ist auf einem ganz anderem Level, das Valley hat eine große Magnetwirkung für Unternehmensansiedlungen, Start-ups und Young Talents.
5. Prototyping: Produkte werden in einer frühen Entwicklungsphase auf den Markt gebracht und reifen dann zum vollständigen (erwachsenen) Produkt nach. Dadurch generieren die Valley-Unternehmen enorme Marktanteile in einem frühen Produktentwicklungsstatus ("einen Fuß in der Türe haben").
Die Beobachtungen der Teilnehmer wurden sehr rege diskutiert. Die Reise wurde von den Teilnehmern sehr positiv bewertet und die Gruppe hat sich zum Ziel gesetzt, in Kontakt zu bleiben und sich auch in Zukunft zum Thema "Digitalisierung" auszutauschen.
© Alexander Witte
Besonderer Dank galt Herrn Koch von der Handelskammer Hamburg, Herrn Dr. Heyne von der IHK Nord und den Kollegen der AHK USA, die das Programm der Reise federführend vorbereitet haben.