Großbritannien

Brexit-Umfrage 2020

Ein norddeutsches Stimmunsbild

Mit dem Voranschreiten des Kalenderjahres 2020 rückt das Auslaufen des Übergangszeitraums nach Austritt des Vereinigten Königreichs aus der Europäischen Union näher. Nach vielen Verhandlungsrunden zwischen Brüssel und London ist noch immer kein Vertrag für die Zeit ab Januar 2021 vereinbart. Für die norddeutsche Außenwirtschaft, die eng verflochten mit dem Vereinigten Königreich ist, stellt diese Planungsunsicherheit viele Unternehmen vor große Herausforderungen. Im Oktober führte die IHK Nord eine Brexit-Umfrage in Norddeutschland durch, um herauszufinden, wie die Unternehmen in den fünf norddeutschen Bundesländern mit der Situation umgehen. Wie vorbereitet fühlen sich die Unternehmen, welche Maßnahmen wurden ergriffen in Vorbereitung auf den Brexit? Welche Risiken stehen für die norddeutsche Außenwirtschaft im Raum? Diese und weitere Fragen stellte die IHK Nord den Betrieben in ihrem Einzugsbereich und erhielt so nachfolgendes norddeutsches Stimmungsbild.

Vorbereitungsstand

Das Auslaufen des Übergangszeitraums und das Voranschreiten der Verhandlungsrunden bringen den Brexit immer näher – mit oder ohne Freihandelsabkommen zwischen der EU und dem Vereinigten Königreich. Interessant ist in diesem Zusammenhang daher, wie vorbereitet die norddeutschen Betriebe auf die Umstellung der Geschäftsbeziehungen zum Vereinigten Königreich tatsächlich sind. Während 26 Prozent der befragten Unternehmen angaben sich teilweise vorbereitet zu haben, so sagten rund die Hälfte der Betriebe an, dass sie entweder gut oder sehr gut auf das Ausscheiden des Vereinigten Königreichs aus der EU-Zollunion und dem Binnenmarkt vorbereitet sind.
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Betrachtet man die einzelnen Maßnahmen der Vorbereitung auf eine EU der 27 ohne das Vereinigte Königreich, sind vor allem zwei Trends zu erkennen. So gab rund die Hälfte (49 Prozent) an, sich mit konkreten Fragestellungen wie z.B. Zoll- und Steuerfragen, Änderungen im Arbeitsrecht oder Vertragswesen o.Ä. auseinander gesetzt zu haben. 21 Prozent der Betriebe setzte gar eine Brexit-Taskforce ein, um sich bestmöglich auf den neuen Status Quo vorzubereiten. Gleichzeitig ist ebenfalls zu beobachten, dass immerhin rund ein Drittel (32 Prozent) der Unternehmen im Norden keinerlei zusätzliche Maßnahmen umsetzen, um sich auf die neuen Geschäftsbeziehungen mit dem Vereinigten Königreich vorzubereiten. Dies kann auf verschiedene Faktoren hindeuten, wie z.B. Aufgabe der Geschäftsbeziehung, Neuausrichtung der Geschäftsstrategie nach Irland, Verlagerung der Schwerpunkte, fehlende Kapazitäten etc. Ein Teil der Unternehmen wartet mutmaßlich die finalen Rahmenbedingungen ab, um dann konkrete Vorbereitungen zu treffen.
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Entwicklung der Geschäftstätigkeit

Die Beurteilung des Geschäftsklimas war ebenfalls einer der Schwerpunkte der Umfrage. Gefragt nach der Bewertung der aktuellen Situation der eigenen Geschäftstätigkeit mit dem Vereinigten Königreich während des Übergangszeitraums [1] gab die Mehrheit der der befragten Unternehmen an, eine befriedigende (43 Prozent) bzw. gute Geschäftslage (25 Prozent) verbuchen zu können.
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Bezüglich der zukünftigen Entwicklung ihrer Geschäftstätigkeiten baten wir Unternehmen anhand zweier Szenarien – dem Zustandekommen eines Freihandelsabkommens oder einem „Hard Brexit“ – ihre Zukunftsaussichten zu bewerten. Im Falle eines Handelsabkommens zwischen Brüssel und London gaben mehr als drei Viertel der Befragten eine gleich bleibende (60 Prozent) bis eher günstigere Entwicklung der Geschäftslage (19 Prozent) an. Gänzlich konträr sieht dagegen die Bewertung im Falle eines „Hard Brexit“ aus – lediglich knapp 23 Prozent der Unternehmen sehen eine gleich bleibende Perspektive voraus, während rund 64 Prozent mit einer eher ungünstigeren Geschäftslage rechnen.
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Gefragt nach den Risiken für Ihre Geschäftstätigkeit für die Zeit nach Ausscheiden des Vereinigten Königreichs aus der EU-Zollunion und dem Binnenmarkt rechnen 83 Prozent der befragten Unternehmen, dass zusätzliche Handelsbeschränkungen das größte Risiko für ihre Geschäfte darstellten. Als weitere mögliche Risiken wurden eine sinkende Nachfrage (35 Prozent), regulatorische Unterschiede (33 Prozent), Wechselkursschwankungen (38 Prozent) sowie mögliche Rechtsunsicherheiten für die Geschäftstätigkeit (39 Prozent) genannt.
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Betriebliche Maßnahmen

Mit dem Ausscheiden des Vereinigten Königreichs aus der EU-Zollunion und dem EU-Binnenmarkt ergeben sich gänzlich neue Rahmenbedingungen für den Handel mit dort ansässigen Unternehmen. Wie planen die Unternehmen in Norddeutschland ihre strategische Ausrichtung? Gefragt nach einer möglichen Verlagerung von Investitionen gaben fast zwei Drittel der Unternehmen an, dass sie derzeit keine Verlagerungen von Investitionen planen. Lediglich knapp ein Fünftel der befragten Unternehmen im Norden zieht eine Verlagerung entweder nach Deutschland (6 Prozent), die übrige EU/Schweiz/Norwegen (9 Prozent), nach Ost-/Südosteuropa (2 Prozent) oder außerhalb der EU (2 Prozent) in Betrachtung.
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Befragt nach möglichen Änderungen der Anzahl der Beschäftigten in Deutschland gab die Mehrzahl der Unternehmen (69 Prozent) an, dass sie derzeit mit einer gleichbleibenden Beschäftigtenzahl planen. Rund 27 Prozent sagten, sie könnten dazu aktuell noch keine Beurteilung abgeben.
Dieses Stimmungsbild sieht hinsichtlich einer möglichen Anpassung der Beschäftigtenzahl in den deutschen Unternehmen im Vereinigten Königreich anders aus: Lediglich rund ein Drittel (34 Prozent) plant mit einer gleichbleibenden Beschäftigtenzahl, wohingegen knapp 8 Prozent mit einer geringeren Zahl der Mitarbeiter planen. Rund 57 Prozent der Unternehmen können dies aktuell noch nicht beurteilen.

Prioritäten für ein Freihandelsabkommen mit dem Vereinigten Königreich

Mit Blick auf die Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen hoffen die norddeutschen Unernehmen immer noch auf ein umfassendes Freihandelsabkommen. Zwei Schwerpunktthemen kristallisierten sich heraus, die den norddeutschen Betrieben im Zuge dieser Verhandlungen besonders wichtig waren: Für einen freien Warenverkehr sprachen sich 85 Prozent der befragten Unternehmen aus. Dafür, die zusätzliche Bürokratie nach dem Brexit gering zu halten, plädierten 83 Prozent. Die Hälfe der Unternehmen (51 Prozent) fordert eine zügige Umsetzung der finalen Ergebnisse der Brexit-Verhandlungen, um Unsicherheiten für die Geschäftstätigkeit zu vermeiden. Ein freien Kapitalverkehr fordern 45 Prozent der Unternehmen, 44 Prozent eine weitere Gewährleistung der Personenfreizügigkeit.
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Von ihren Industrie- und Handelskammer wünschen sich die befragten norddeutschen Unternehmen neben entsprechender Informationsangebote auf der Webpräsenz (61 Prozent) und einem entsprechenden Angebot an Informationsveranstaltungen (46 Prozent) vor allem die Vertretung der Unternehmensinteressen gegenüber Entscheidungsträgern in Politik und Verwaltung (69 Prozent).
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[1] Der Brexit-Übergangszeitraum ist für die Zeit vom 1. Februar bis 31. Dezember festgelegt. Während dieses Zeitraums ist das Vereinigte Königreich kein Mitglied mehr in der Union und wird entsprechend auch nicht mehr in den EU-Organen (z.B. Parlament, Ministerrat) vetreten sein. Dennoch gilt für das Vereinigte Königreich für die Dauer des Übergangszeitraums weiterhin geltendes EU-Recht in allen Politikbereichen und es beteiligt sich nach wie vor an der EU-Zollunion sowie am Binnenmarkt inkl. der vier Freiheiten (freier Verkehr von Waren, Kapital, Personen und Dienstleistungen).