Positionspapier
Aktuelle Herausforderungen für den Tourismus in Norddeutschland
Nach der herausfordernden Corona-Zeit für Betriebe und Unternehmen zeichnete sich Anfang 2022 eine Erholung der Tourismusbranche in Norddeutschland ab. Die Betriebe blickten vorsichtig optimistisch in die Zukunft. Dieses Bild hat sich durch den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine und die daraus resultierende wirtschaftliche Krise mit hohen Energie-, Rohstoff- und Lebenshaltungskosten jedoch eingetrübt. Die Branche hat aktuell mit vielfältigen Herausforderungen zu kämpfen.
Status Quo
Im Jahr 2022 gab es bei den Gästeübernachtungen in Deutschland zwar eine Erholung, der Wert lag jedoch weiterhin unter dem Vorkrisenjahr 2019: Vorläufige Ergebnisse des Statistischen Bundesamts (Destatis) zeigen, dass die Beherbergungsbetriebe in Deutschland im vergangenen Jahr 450,8 Millionen Gästeübernachtungen verzeichneten. Das waren 45,3 Prozent mehr als im Jahr 2021 (310 Mio.), aber noch 9,1 Prozent weniger als 2019[1].
In den fünf norddeutschen Bundesländern Bremen, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen und Schleswig-Holstein gab es im Jahr vor der Pandemie (2019) insgesamt 134,6 Millionen Übernachtungen[2]. Bei knapp 8,7 Prozent wurde ein Wohnsitz im Ausland angegeben[3]. Zum Vergleich: In Bayern fanden im selben Jahr etwa 100 Millionen Übernachtungen statt[4] und bei 20 Prozent wurde ein Wohnsitz im Ausland gemeldet[5].
2020 sank die Zahl der Übernachtungen in Norddeutschland auf 95,1 Millionen[6]. Hier wurde bei 4,8 Prozent ein Wohnsitz im Ausland angegeben[7]. Im Bundesland Bayern fanden im Jahr 2020 etwa 59,9 Millionen Übernachtungen statt[8]; bei 11,7 Prozent wurde ein Wohnsitz im Ausland gemeldet[9].
Im Jahr 2021 gab es dann eine leichte Erholung im Vergleich zu 2020: Etwa 100,2 Millionen Gästeübernachtungen wurden in den norddeutschen Bundesländern verzeichnet[10]. Dieser Wert liegt aber immer noch deutlich unter dem des Vorkrisenjahres 2019 (134,6 Mio.).
Die ausbleibenden Gäste haben zu enormen Umsatzeinbußen geführt. Laut dem Deutschen Wirtschaftswissenschaftlichen Institut für Fremdenverkehr e.V. (dwif) an der Universität München lag der Umsatzausfall im Tourismus im Jahr 2021 bei knapp 59 Milliarden Euro[11]. Das entspricht wöchentlichen Einbußen von 1,1 Milliarden Euro[12].
Besonders betroffen waren die Bereiche Geschäftsreisen und Städtetourismus sowie das für Norddeutschland wichtige Kreuzfahrtsegment. Im Jahr 2021 gab es 64 Prozent weniger Geschäftsreisen als noch im Jahr 2019[13]. Die Zahl der Kreuzfahrtpassagiere aus Deutschland fiel von 3,1 Millionen im Jahr 2019 auf nur 946.000 in 2021[14].
In der Gastronomie gab es durch verschiedene Lockdownphasen und andere Restriktionen ebenso starke Umsatzeinbußen. Neben den finanziellen Verlusten kam es in den vergangen drei Jahren zudem zu einem Rückgang der in der Branche beschäftigten Mitarbeitenden. Zahlen des dwif zeigen, dass es 12 Prozent weniger sozialversicherungspflichtig Beschäftigte im deutschen Gastgewerbe als noch im Jahr 2019 gibt. Bei den geringfügig Beschäftigten sind es 21 Prozent weniger[15]. Anstelle des Begriffs Fachkräftemangel ist der allgemeinere Begriff Personalmangel zutreffender, da es auf allen Ebenen und in allen Bereichen nicht ausreichend Personal gibt.
In einer IHK Nord-Konjunkturumfrage im Oktober 2022 gaben 71 Prozent der befragten Betriebe im Gastgewerbe in Norddeutschland an, dass der Fachkräftemangel ein großes Risiko für die wirtschaftliche Entwicklung ihres Unternehmens sei. An einigen Orten führt er bereits zu einer Verknappung der touristischen Angebote: so gibt es beispielsweise in der Gastronomie mehr Ruhetage oder verkürzte Öffnungszeiten.
Mit dem Abflauen der Corona-Pandemie hat sich die Reiselust der Menschen erhöht, allerdings wirken wachsende Lebenshaltungskosten aufgrund der hohen Inflation und steigender Energiepreise diesem Trend entgegen. Steigende Kosten belasten sowohl Verbraucher als auch die Betriebe in der Tourismusbranche selbst. Die IHK Nord-Konjunkturumfrage ergab, dass die Energie-, Lebensmittel- und Rohstoffpreise von einer deutlichen Mehrheit der Betriebe des Gastgewerbes als das größte Geschäftsrisiko angesehen werden. Dies gaben fast 90 Prozent der Befragten an. Die höheren Preise für Ressourcen werden sich voraussichtlich nur durch Preissteigerungen auffangen lassen. Reserven, die möglicherweise vor der Corona-Krise noch vorhanden waren, sind längst aufgebraucht und Investitionen wurden aufgeschoben.
Handlungsempfehlungen
Während die Nachwirkungen der Pandemie spürbar sind, muss sich die Tourismusbranche nun mit zusätzlichen Kostenbelastungen durch steigende Preise auseinandersetzen. Folgende Maßnahmen können dazu beitragen, den Wirtschaftsfaktor Tourismus in den fünf norddeutschen Bundesländern zu unterstützen:
Personalmangel bekämpfen
Bereits vor der Corona-Krise gab es zu wenig Personal für die touristische Branche. Durch die Pandemie hat sich dies verstärkt. Angesichts der hohen wirtschaftlichen Bedeutung des Tourismus muss die Attraktivität des “Arbeitsplatz Tourismus“ erhöht werden, um mehr Personal zu gewinnen. Neben dem Zutun der Unternehmen und Betriebe selbst sollten diese Rahmenbedingungen seitens der Politik angepackt werden:
- Verbesserung der Arbeitsbedingungen, bspw. durch Maßnahmen zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie (Kinderbetreuung etc.)
- Mehr Fokus auf den touristischen Sektor bei der Berufsorientierung in Schulen
- Erleichterter Zugang zur Beschäftigung ausländischer Arbeitskräfte
Resilienz von Betrieben und touristischen Destinationen fördern
Die Corona-Krise hat gezeigt, wie wichtig Resilienz für Wirtschaft und Gesellschaft ist. In den letzten drei Jahren haben sich die Unternehmen der Tourismusbranche schnell auf neue Bedingungen eingestellt und viele Maßnahmen umgesetzt, um die gesetzlichen Vorgaben zum Infektionsschutz zu erfüllen. Eine bessere Planbarkeit für Unternehmen in Krisenzeiten ist dennoch notwendig. Diese Faktoren müssen künftig von der Politik berücksichtigt werden:
- Verlässlichkeit im politischen Handeln durch klare und rechtzeitige Kommunikation
- Unbürokratischer Zugang zu Förderprogrammen des Bundes für touristische Betriebe (i. d. R. KMUs) im Krisenfall
- Finanzielle Unterstützung von Modernisierung und Innovation im Tourismussektor
- Unterstützung von Projekten zur Vernetzung der unterschiedlichen Branchenakteure
Tourismusförderung sichern und ausbauen
Der Tourismussektor gehört zu den bedeutendsten Wirtschaftsfaktoren in Norddeutschland. Er schafft und sichert Arbeitsplätze, sorgt für wirtschaftliches Wachstum und steigert das Image der Region, was wiederum zu einem höheren Interesse an Investitionen und Wirtschaftsentwicklung beiträgt. Um diese Aspekte zu stärken braucht es:
- Anerkennung der Bedeutung des Tourismus als Wirtschaftsfaktor und Bereitstellung von entsprechenden Fördermitteln bspw. für infrastrukturelle Projekte sowie für Projekte für Innovation, Marketing oder Qualität
- Einen erleichterten Zugang zu Fördermitteln von EU, Bund und Ländern, verbunden mit einem verringerten administrativen Aufwand
- Flexibilisierung und stetige Anpassung der Förderlandschaft
Bürokratieabbau vorantreiben
Das Erfüllen von Nachweis- und Dokumentationspflichten sowie anderen gesetzlichen Vorgaben nimmt viel Zeit in Anspruch. Laut einer Studie der DIHK leisten die Unternehmen der Branche durchschnittlich 14 zusätzliche Stunden pro Woche, um 100 bis 125 komplexe Vorschriften etwa zur Kassenrichtlinie oder zur Datenschutzgrundverordnung zu erfüllen[16].
Durch das Ausfüllen von Anträgen, Formularen und Statistiken sowie durch Nachweis-, Dokumentations- und Aufbewahrungspflichten entstehen enorme Kosten und ein hoher Personalaufwand. Bestehende Gesetze und Verordnungen sollten regelmäßig auf ihre Notwendigkeit sowie ihre Auswirkungen auf die Wirtschaft geprüft und die bürokratischen Belastungen für die Unternehmen reduziert werden. Der Abbau von Bürokratie würde vor allem KMUs entlasten. Daher braucht es:
- Regelmäßige Überprüfung der Sinnhaftigkeit von Dokumentationspflichten
- Rücksichtnahme auf begrenzte Kapazitäten von KMUs
- One-in-One-Out Regel: Neue Regeln sollten nur eingebracht werden, wenn im gleichen Maße vorhandene Regeln abgebaut werden
Digitalisierung unterstützen
Die Corona-Pandemie hat zu einer Beschleunigung der digitalen Transformation in vielen Wirtschafts- und Lebensbereichen geführt. Auch in der Reisebranche konnte diese Entwicklung beobachtet werden. Digitale Angebote im Bereich Tourismus sind für nahezu drei viertel der Reisenden wichtig. Besonders genutzt werden Online-Buchungen über Apps und digitale Zahlungsmethoden[17]. Die Nutzung von Online-Angeboten zur Planung eines Urlaubs und später im Urlaub selbst ist weit verbreitet. Destinationen, die die entsprechenden Online-Ressourcen zur Verfügung stellen, sind im Vorteil und Investitionen in diesem Bereich können besonders lohnend sein. Hindernisse für Betriebe und Organisationen bei der Digitalisierung sind vor allem fehlendes Personal und Knowhow sowie zu geringe finanzielle Mittel. Zugang zu Apps und Informationen zu touristischen Angeboten in Echtzeit werden von Gästen zunehmend erwartet und somit zum Standortfaktor für Destinationen. Diese Faktoren sorgen für Beschleunigung in der Digitalisierung:
- Mehr Tempo beim Breitbandausbau
- Flächendeckendes 5G-Mobilfunknetz
- Bereitstellung von Fördermitteln und Beratung für KMUs für Digitalisierungsprojekte
Nachhaltigkeit fördern
Die Nachhaltigkeit eines Betriebes oder einer Destination spielt bei Besucherinnen und Besuchern eine zunehmende Rolle. Grüne Tourismus-Angebote gewinnen durch die zunehmende Sensibilisierung für Umweltthemen an Bedeutung, sodass diese lokal und auch in übergeordnete touristische Gesamtkonzepte eingebunden werden müssen. Nachhaltigkeit sollte nicht allein in seiner ökologischen Dimension beachtet werden, sondern auch in seiner sozialen Komponente. Das bedeutet, dass nicht nur die Auswirkungen auf die Umwelt, sondern auch die Perspektive der lokalen Bevölkerung bedacht werden muss. „Over-Tourism“ ist nicht nur schädlich für die Umwelt, sondern kann auch zu einer negativen Tourismusakzeptanz bei den ortsansässigen Menschen führen. Der Schutz der Umwelt, nachhaltiges Management von Destinationen durch Besucherlenkung, um Natur und Umwelt möglichst wenig zu stören und Konflikte zu minimieren, bieten die Möglichkeit, sich als Destination positiv abzuheben und gleichzeitig die Tolerierung der Bevölkerung sicherzustellen. Dazu braucht es:
- Schaffung einer auf Nachhaltigkeit ausgerichteten Tourismuspolitik
- Öffentliche Mittel zur Förderung von Projekten zu Qualitätsmanagement und Besucherlenkung
Erreichbarkeit verbessern
Eine schnelle und unkomplizierte Anreise sowie gute, nachhaltige und digitale Mobilitätsangebote vor Ort sind wichtige Standortfaktoren. Die Erreichbarkeit per Straße, Schiene, Luft und Wasser ist für Tourismusregionen von existenzieller Bedeutung. Auch die lokale Mobilität muss stärker in den Fokus gerückt und als notwendige Investition in eine Basisinfrastruktur verstanden werden. Die Politik muss daher folgende Themen angehen:
- Verbesserung der Erreichbarkeit von touristischen Gebieten durch Investitionen in die Infrastruktur sowie Mobilitätsangebote
- Schnellerer Infrastrukturausbau durch Planungsbeschleunigung
- Bessere Mobilität vor Ort durch leistungsfähige Verkehrsträger
- Stärkere Einbeziehung der touristischen Belange in die Verkehrsplanung.
[1] https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2023/02/PD23_055_45412.html, zuletzt aufgerufen am 20.02.2022.[2] Destatis, 45412-0020: Ankünfte und Übernachtungen in Beherbergungsbetrieben: Bundesländer, Jahre.[3] Destatis, 45412-0021: Ankünfte und Übernachtungen in Beherbergungsbetrieben: Bundesländer, Jahre, Wohnsitz der Gäste.[4] Destatis, 45412-0020: Ankünfte und Übernachtungen in Beherbergungsbetrieben: Bundesländer, Jahre.[5] Destatis, 45412-0021: Ankünfte und Übernachtungen in Beherbergungsbetrieben: Bundesländer, Jahre, Wohnsitz der Gäste.[6] Destatis, 45412-0020: Ankünfte und Übernachtungen in Beherbergungsbetrieben: Bundesländer, Jahre.[7] Destatis, 45412-0021: Ankünfte und Übernachtungen in Beherbergungsbetrieben: Bundesländer, Jahre, Wohnsitz der Gäste.[8] Destatis, 45412-0020: Ankünfte und Übernachtungen in Beherbergungsbetrieben: Bundesländer, Jahre.[9] Destatis, 45412-0021: Ankünfte und Übernachtungen in Beherbergungsbetrieben: Bundesländer, Jahre, Wohnsitz der Gäste.[10] Destatis, Monaterhebung im Tourismus, Dezember 2021 (Fachserie 6, Reihe 7.1).[11] https://www.dwif.de/images/Corona/Kompass_2022/dwif_Corona_Kompass_2022_Update_Mrz.pdf[12] Ibid.[13] DTV, ”Zahlen, Daten, Fakten 2022: Das Tourismusjahr 2021 im Rückblick”, S. 18.[14] Statista, Anzahl der Kreuzfahrtpassagiere aus Deutschland von 2004 bis 2021 (in 1.000).[15] https://www.dwif.de/images/Corona/Kompass_2022/dwif_Corona_Kompass_2022_Update_Mrz.pdf[16] DIHK, „Bürokratiebelastung für Unternehmen bremsen: Eine Studie am Beispiel Gastgewerbe“, https://www.dihk.de/resource/blob/18690/d9172ef787eef2f6d984a8754051675a/studie-buerokratieabbau-data.pdf.[17] Deutsche Zentrale für Tourismus e.V., Jahresbericht 2021, S. 28.
