H2-Interview

Das norddeutsche Reallabor

Interview mit Werner Beba, Professor für Marketing am Department für Wirtschaft der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg, Leiter des Competence Centers für Erneuerbare Energien und Energieeffizienz sowie Leiter des Projekts Norddeutsche Energiewende NEW 4.0

Wie würden Sie einem Laien das „Norddeutsche Reallabor“ (NRL) erklären?

„Mit dem Norddeutschen Reallabor als länderübergreifendem Verbundprojekt werden wir die ganzheitliche Transformation des Energiesystems erproben und so den Weg zu einer schnellen Dekarbonisierung aller Verbrauchssektoren demonstrieren. Das Vorhaben zeichnet sich dabei durch den gesamtsystemischen Ansatz aus und legt den Fokus auf zwei Technologiebereiche, die großflächig, technologieoffen sowie markt- und realitätsnah erprobt werden sollen: integrierte Sektorkopplung mit Schwerpunkt Wasserstoff sowie energieeffiziente Quartierslösungen vorrangig im Wärmebereich. Dafür werden im NRL in 25 Projekte insgesamt 18 Demonstrationsanlagen und eine Wasserstoff-Erzeugungskapazität von 42 Megawatt realisiert. Hinzu kommen 220 Brennstoffzellen-Fahrzeuge in fünf Flotten und mit fünf Wasserstoff-Tankstellen sowie 700 Gigawattstunden Industrie-Abwärmenutzung.“

Wo sind die vier "Hubs der Energiewende“ in Hamburg, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern und nach welchen Kriterien wurden sie ausgewählt?

„Die Region des NRL bildet die Kernherausforderungen der Energiewende im besonderen Maße ab. So stellen Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern große Erzeugungsregionen für Strom aus erneuerbaren Quellen dar: Bilanziell ergibt sich für die Gesamtregion bereits 2020 ein Anteil von 130 Prozent erneuerbarer Energien an der Stromversorgung. Hamburg hingegen ist eine urbane Verbrauchsregion mit einem großen Bedarf an erneuerbaren Energien auch in der Industrie. 
In dieser Region werden wir in vier geografischen Hubs innovative und skalierbare Sektorkopplungs-Schwerpunktanlagen bündeln, die sich gemeinsam zu einem regionalen Gesamtkonzept ergänzen. Zwei Hubs befinden sind in Hamburg mit den jeweiligen Schwerpunkten Sektorkopplung mit Wasserstoff und Quartierslösungen Wärme und Mobilität, eines in Mecklenburg-Vorpommern in Schwerin und eines in Schleswig-Holstein in Brunsbüttel und Haurup. Die regionale Verteilung der Aktivitäten mit Wasserstoff-Fokus orientiert sich dabei an der Netztopologie des Strom- und Gasnetzes sowie an Verbrauchsstandorten. An leistungsfähigen Knotenpunkten des Stromübertragungsnetzes werden Wasserstoffproduktionsschwerpunkte geschaffen. Diese erlauben zum einen lokale Verbrauchsschwerpunkte mit einer neuen energetischen Wertschöpfungskette, zum anderen ermöglichen sie über die Integration von Anwendungen in Industrie, Verkehr und Gebäuden/Quartieren in die Gasinfrastruktur eine direkte Dekarbonisierung der jeweiligen Anwendungssektoren.“

Das Ziel ist es, im Norden 75 Prozent des CO2-Ausstoßes bis 2035 abzubauen. Wie soll das erreicht werden?

„Mit dem NRL erproben wir den Transformationspfad des Energiesystems, d. h. den Weg für eine Dekarbonisierung von 75 Prozent bis 2035. Aktuell stammen 87 Prozent der klimaschädlichen Treibhausgase aus der Verbrennung fossiler Energien - also Kohle, Öl und Gas -, zur Erzeugung von Strom, Wärme und für Kraftstoffe im Verkehr. Wir brauchen diese Energie aber für alle unsere Lebens- und Arbeitsbereiche: in der Industrie, in Gebäuden, am Arbeitsplatz und zu Hause, beim Transport sowie in der Mobilität. Die Industrie, aus der ein Drittel der Treibhausgas-Emissionen stammen, bietet große Chancen und Potenziale für einen klimafreundlichen und gleichzeitig zukunftsfähigen Umbau.
Wirksamer Klimaschutz erfordert deshalb eine ganzheitliche Transformation des Energiesystems. Neben der Systemintegration von vielfältigen und zahlreichen Erzeugern und Verbrauchern auf Basis neuer Marktmodelle und -rollen spielt die Flexibilisierung zum Schwankungsausgleich des Stromnetzes eine wesentliche Rolle. Hinzu treten die Anforderungen des integrierten Ausbaus der Sektoren und hierfür neue Energieträger wie „grüner“ Wasserstoff und synthetische Gase.“

Welche Rolle wird dabei „grüner Wasserstoff“ spielen?

„CO2-freier Wasserstoff wird die dritte Phase der Energiewende maßgeblich prägen. Wasserstoff ist für Anwendungsgebiete notwendig, in denen keine rein elektrischen Lösungen absehbar sind. So ist in vielen Anwendungen die direkte Nutzung von Strom nicht möglich oder ineffizient. Deshalb benötigen wir weitere Alternativen. Fossile Energien können direkt durch Wasserstoff oder in Verbindung mit einer weiteren Umwandlung in synthetische Gase, Brenn- und Kraftstoffe ersetzt werden. Vor allem in der Industrie, wo bereits heute gasförmige Energien von Bedeutung sind, wird Wasserstoff eine erhebliche Rolle bei der Reduzierung klimaschädlicher CO2-Emissionen spielen. Wasserstoff erhält somit eine zentrale Funktion bei der Weiterentwicklung und Vollendung der Energiewende. Strom aus erneuerbaren Quellen und Wasserstoff, der wiederum aus grünem Strom erzeugt wird, werden die zentralen Energieträger der Zukunft sein.“
Veröffentlichung: Mai 2021
Das Interview führte Jörn Arfs.
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